"Saxofon-Sound als Seelenbalsam" von Georg Spindler

Am Anfang steht ein magischer Sound: ein Sound mit viel Luft, der hauchig, schwebend, schwadenartig den ausverkauften Rittersaal des Heidelberger Schlosses erfüllt. Charles Lloyd bläst sein Tenorsaxofon weich, fast körperlos, und verströmt in jeder Note Sanftmut. Mit ausholenden Phrasen und einem hymnischen Gestus, als wolle er die ganze Welt umarmen, eröffnet der große Milde des Saxofons das Enjoy-Jazz-Festival in grandioser Manier.
Bedächtig lässt er in der Eingangsballade sein Horn in einem Tonfall flüstern, bei dem man an die fürsorglichen Worte eines Vaters denken mag, der einem Kind Trost zuspricht. Es ist diese anrührende Emotionalität, die Lloyd zu einem Jazzstar hat werden lassen, dem es in den 60er Jahren gelang, mit freejazznahen Klängen selbst bei einem Rockpublikum populär zu werden.
Der Geist John Coltranes, als dessen Epigone Lloyd damals nicht selten kritisiert wurde, prägt nach wie vor seine Musik. Aber inzwischen hat Lloyd seinen ganz eigenen Stil gefunden. Während Coltranes Musik geradezu messianische Züge besaß - in dem Sinne, dass er seine Zuhörer in einen schmerzhaften Strudel existenzieller Selbstbefragung und Identitätssuche hineinstürzte -, wirkt Lloyds nicht minder spirituelle Musik von diesen leidvollen Elementen (wie auch von nahezu allen Blues-Grobheiten) geläutert; er erscheint eher wie eine Art Evangelist.
Die beschwörende Diktion des Predigers bestimmt auch den Enjoy-Jazz-Abend. Sogar ganz real: Am Ende des ersten Sets wendet sich der 71-Jährige an sein Publikum, erklärt in einer emphatischen Rede, dass er und seine Band lebten wie die Vögel, herumreisten, den Planeten erkundeten, dass die Welt doch klein sei, wir alle zusammengehörten, man die Schöpfung bewahren müsse und sich nicht von negativen Dingen leiten lassen dürfe. Es klingt wie eine Verbalisierung seiner Musik.
Die gleiche unbändige Rasanz zeichnet auch Lloyds Spiel auf Tenorsaxofon, Altflöte und dem sopransaxofonartigen Tarogato aus. Seine weit ausschwingenden Tonfolgen, die sich über jegliche Schwere erheben, huschen luftig-leicht und behände dahin. Dabei entwickeln skalenartige Läufe und flirrend schnörkelreiche Melodieschlenker enorme Fliehkräfte, die Phrasen jäh in weiten Intervallen aus den harmonischen Bindungen hinausschleudern. Lloyd, der stellenweise wie in Trance agiert, gelingt es wundersamerweise immer wieder, diese Improvisationsausbrüche abzufangen, gelegentlich aber drängt es ihn dann doch in freitonale Räume, in die ihm seine experimentierfreudigen Mitmusiker gerne folgen.
Mit seinem New Quartet hat er eine Band zusammengestellt, die dem Rang seiner legendären 60er-Jahre-Combo gleichkommen könnte. Damals machte der Saxofonist den kaum bekannten Keith Jarrett weltberühmt, heute hat er mit Jason Moran einen Pianisten in seinem Ensemble, der ähnlich spektakulär Free-Elemente und darüber hinaus ein stupendes Wissen um die Jazz-Historie in das Spiel der Gruppe hineinträgt. Moran gelingt das Kunststück, schroffe Dissonanzen, perkussive Attacken und explosive Detonationen in harmonische Strukturen auf eine Weise einzubetten, wie man das bisher nur von dem 1995 verstorbenen Don Pullen gehört hat.
Nicht minder sensationell ist das Spiel von Reuben Rogers. Er bringt am Kontrabass Gravität ins Spiel, hantiert auf seinem Instrument mit der Körperlichkeit eines Rockmusikers, ächzt, stöhnt, lässt die Saiten schnarren und schnalzen, den Bass klingen wie eine überdimensionierte Blues- oder Flamenco-Gitarre. Und Schlagzeuger Nasheet Waits, ein Ausnahme-Phänomen in puncto Reaktionsschnelligkeit, bedient das Drumset mit der Sensibilität und dem Formgefühl eines Pianisten. Er spielt mit melodischen Motiven und Strukturelementen, vermag aber auch Rhythmen dramatisch aufzulösen und zu verwirbeln.
Für einen unangekündigten Glanzpunkt sorgt die Sängerin Maria Farantouri. Die legendäre "Stimme von Miki Theodorakis", die demnächst mit Charles Lloyd ein Konzert in Griechenland geben wird, interpretiert vier Lieder voller stimmgewaltiger Melismatik. Die Inbrunst ihrer Darbietung vereint sich mit der Emotionalität des Saxofons und gerät zu einer Beschwörung von Menschlichkeit, die Seelen wärmt.

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