Zusammen mit dem Yellow Magic Orchestra erfand er 1978 Techno, veröffentlichte in fünf Jahren elf Alben, holte sich ab 1983 als Solist die weltbesten Musiker und Sänger ins Studio, schrieb erfolgreiche Filmmusiken – die spielt er jetzt in Heidelberg.
Ryuichi Sakamoto wurde 1952 in Tokio geboren, er lebt seit einigen Jahren in New York. Letzte Woche ist in Deutschland sein aktuelles Album „Playing The Piano“ erschienen, das am Freitag in einer Deluxe-Version zusammen mit dem Elektronik-Album „Out Of Noise“ veröffentlicht werden wird.
> Mister Sakamoto, können Sie mir sagen, worum es bei „Out Of Noise“ überhaupt geht?
Ich habe das Album letztes Jahr zwischen September und Dezember aufgenommen. Mitten in der Produktion erhielt ich eine Einladung nach Grönland, um das Arktische Meer kennenzulernen. Es waren nur zehn Tage. Aber die Reise hat mich nachhaltig beeindruckt – und natürlich das Album beeinflusst.
> Also handelt es sich um ein Konzeptalbum?
Indirekt ja. Der warme Einfluss der Landschaft dort, der findet sich auch in der Musik wieder. Die Lieder kommen tief aus meinem Innern...
> ...es handelt sich in weiten Teilen um elektronische Soundschnipsel, die recht sphärisch eingebettet wurden. Eher abstrakte Songs.
Ich habe das musikalisch umgewandelt, was ich gesehen habe – und das war enorm beeindruckend.
> Weil Sie dort den Klimawandel mit eigenen Augen sehen konnten?
Das war ja der Anlass der Reise: Die ersten Auswirkungen des Klimawandels sehen zu können. Und ich glaube, das funktioniert nirgends anschaulicher als im Arktischen Meer. Wenn du dort bist und die Natur in ihrer gigantischen Größe siehst, die Eisberge, die weiße Wüste, dann erkennst du erst, wie klein wir sind, wir Menschen.
> Und trotzdem verändern wir das Klima.
Das ist ja das Verrückte: Wir Menschen sind Teil der Natur, aber wir verändern diese. Also verändern wir unsere Lebensgrundlage und dadurch uns selbst. Das kannst du aber erst verstehen, wenn du dort gewesen bist – oder wenn du meine Platte hörst, denn das ist es, was ich musikalisch ausdrücken wollte.
> Im Rahmen Ihres Konzertes in Heidelberg werden Sie neben einigen Songs aus „Out Of Noise“ vor allem Ihre alten Filmhits spielen – Songs aus „Der letzte Kaiser“ oder „Merry Christmas, Mr. Lawrence“. Ist das damit ein Abschluss für Sie in Sachen Filmmusik?
Nein, ich habe gerade für die Iranerin Shirin Neshat einen Soundtrack geschrieben – „Women Without Men“ wurde in Venedig im Juni mit dem Silbernen Löwen geehrt. Der Film handelt vom Staatstreich im Iran 1953 – und der Rolle der jungen Frauen damals.
> Sie standen auch selbst vor der Kamera: Zusammen mit David Bowie spielten Sie in „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ die Hauptrolle – eine japanischen Offizier in einem koreanischen Gefangenenlager. Wie war das für Sie?
Ich hatte keinerlei praktische Erfahrungen, ich habe die Schauspielerei niemals gelernt und ich hätte nie daran gedacht, jemals vor der Kamera stehen zu können...
> ...dafür haben Sie diese Arbeit aber professionell erledigt.
Ja, ich liebte es. Wir waren wie eine große Familie. Als junger Student hatte ich mir immer die Filme von Nagisa Oshima, dem Regisseur, im Kino angeschaut. Jetzt durfte ich mit ihm zusammenarbeiten – er hat gesagt, wie alles laufen muss, und ich bin ihm gefolgt (lacht). Das war klar: Er war der Star.
> Und wieso verzichteten Sie darauf, für diesen Film, zu dem Sie ja die gesamte Musik komponierten, einen Song mit David Bowie aufzunehmen?
Natürlich habe ich ihn damals gefragt, aber er sagte Nein. Er wolle sich ganz auf seine Rolle als Schauspieler konzentrieren und hier einmal kein Sänger sein.
> Stattdessen haben Sie den wunderbaren Song „Forbidden Colours“ zusammen mit David Sylvian eingespielt – wird es davon eine Instrumentalfassung in der Heidelberger Stadthalle zu hören geben?
Natürlich. Ich werde ein paar neue Songs spielen und ein paar Klassiker.
> Sie werden allein auftreten?
Ja, nur ich allein. Aber manchmal benutze ich dafür zwei Pianos (lacht).
> Ich habe gehört, dass Sie von Zeit zu Zeit wieder mit dem Yellow Magic Orchestra zusammenspielen?
Ja, wir spielen so ein- bis zweimal im Jahr zusammen. Zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel Festivals. Und wir haben auch ein paar neue Songs aufgenommen, aber es sind noch zu wenig, um daraus ein ganzes Album zu machen. Das werden wir vielleicht in nächster Zeit nachholen.
> Sie leben in New York – das passt gut zu einem künstlerischen Tausendsassa. Wie aber ist es für den Menschen Ryuichi Sakamoto in so einer Millionenstadt zu leben?
Es mag verrückt klingen: Aber für mich strahlt New York eine private Atmosphäre aus. Ich wohne Downtown, also in Manhattan. Ich gehe nicht viel weg – außer jeden Abend in ein Restaurant. Aber im Grunde weiß ich kaum etwas vomgesellschaftlichen Leben in New York – über die Modetrends. Aber im Verhältnis zu Tokio oder ganz Japan kann ich nur sagen, dass das Leben dort viel härter ist.
> Was planen Sie als nächstes?
Ich arbeite wieder mit Alva Noto zusammen, mit dem ich bereits 2008 „utp“ schrieb – das Jubiläumskonzert für die Stadt Mannheim.
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