"Musikalische Umwegrentabilität: Joshua Redman mit seinem Trio in Mannheim" von Wolfgang Sandner

John Cage meinte, man müsse ein für alle Mal anerkennen, dass die Linien, die wir ziehen, nicht gerade sind. Kein Weg ist geradlinig, keine Laufbahn ohne Brüche, kein Dasein ohne Stolpersteine, kein Wissen ohne Lücken, kein Werk vollkommen. Künstler können davon Arien singen, Künstlerkinder ganze Opern. Denn sie müssen um die Eckpfeiler der elterlichen Kunst erst Haken schlagen, bevor sie in die eigene Spur finden. Oft machen sie es wie der Sohn des Malers George Grosz, der wurde Jazzgitarrist.

Man könnte annehmen, der amerikanische Saxophonist Joshua Redman sei die Ausnahme von dieser Regel. Sein Vater Dewey war ein Saxophonkoloss. Er gehörte sieben Jahre lang zur Jazzband des Oktoberrevolutionärs Ornette Coleman, war in den siebziger Jahren eine treibende Kraft in der Gruppe von Keith Jarrett und bildete später mit Don Cherry, Charlie Haden und Ed Blackwell eine Combo, die unter dem Namen "Old and New Dreams" die Jazztradition mit musikalischen Zukunftsvisionen verknüpfte. Die Mutter hat den fünfjährigen Sohn ans Berkeley Centre for World Music gebracht. Später studierte Joshua Redman Gesellschaftswissenschaften in Harvard und anschließend Jura in Yale.

In die Musikerkarriere brachte ihn erst eine Studienpause, in der er nach New York ging und sich einen Jazzbazillus einfing. Seitdem gehört er zur Phalanx junger Wilder, hat mit Größen wie Elvin Jones, Pat Metheny und Charlie Haden zusammengespielt. Nun war er wieder einmal beim Enjoy-Jazz-Festival zu Gast, und was die überfüllte "Alte Feuerwache" in Mannheim zu hören bekam, war die hohe Kunst der Jazzimprovisation im konzentriertesten Format eines Trios ohne Harmonie-Instrument. Wer als Saxophonist nur mit Bass und Schlagzeug spielt, muss sich seiner kontrapunktisch-melodischen Kunst schon sehr sicher sein, um nicht gepflegte Klangfarbenmonotonie zu erzeugen. Davon aber konnte bei den schier atemraubenden Interaktionen der Musiker keine Rede sein. Ein solch schlafwandlerisches Verständnis hat man vor allem zwischen einem Saxophonisten und einem Schlagzeuger schon lange nicht mehr erlebt. Greg Hutchinson einen Drummer zu nennen wäre allerdings Untertreibung. Wie er Stöcke, Jazzbesen und Paukenschlägel melodisch handhabt, wie er die von Joshua Redman auf dem Tenor- und dem Sopransaxophon intonierten Motive zu Linien verbindet, die kraftvollen Basstöne von Matt Penman nahezu in Obertöne von Becken und Snaredrum auflöst, das alles ist mirakulös und verweist auf einen hochsensiblen Musiker. Nicht minder erstaunlich wirkt die Präzision im Zusammenspiel der drei, die durch die verzwicktesten Rhythmuskombinationen und Taktwechsel wie somnambule Slalomskiläufer hindurchwedeln. Joshua Redman ist sicherlich zurzeit einer der versiertesten Stilisten auf dem Tenorsaxophon, dem keine Technik fremd, kein Achtelnotenbeat zu schnell und kein Einfall zu entlegen ist, als dass er nicht davon in seinen halsbrecherischen Improvisationen, und sei es über solch abgenudelte Standards wie "Bye Bye Blackbird", Gebrauch machen könnte. Was er mit seinem Trio auch anstellt, es wirkt hochvirtuos, vor allem aber hochintelligent: als würde sich die Zeit in Harvard und Yale musikalisch auszahlen.

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