"Kein Anfang, kein Ende" von Hans-Jürgen Linke

Und was bleibt nach all den Jahren? Wayne Shorter, 76, gehörte zum zweiten Miles-Davis-Quintett, das vor 40 Jahren mit "Bitches Brew" am Urknall des elektrischen Jazzrock beteiligt war, und war als Saxofonist der egalitär strukturierten Band Weather Report jahrelang eine der überragenden Musikerpersönlichkeiten der Fusion-Ära. In seiner Musik hat sich viel Konstruktives vom guten alten Weather-Report-Geist erhalten, aber sie ist nicht dabei stehen geblieben.

Die Musiker, die nun schon seit acht Jahren mit ihm sein aktuelles Quartett bilden und jetzt zum Abschlusskonzert des Enjoy-Jazz-Festivals in die Heidelberger Stadthalle kamen, sind eine Generation jünger als er und haben alle selbst Bandleader-Kragenweiten. Danilo Perez, Klavier, John Patitucci, Bass, und Brian Blade am Schlagzeug schaffen auf der Bühne eine Atmosphäre von gestandener Reife - einer Reife, die nicht Blasiertheit mit sich bringt, sondern überraschende Freiheitsgrade.

Niemand hält hier an ausgedienten Stilen, Klängen, Aufgabenzuweisungen fest, die Noten auf den Pulten enthalten eine Reihe von Vorschlägen, aber die Entscheidungen, was wann wie geschieht, fällt im Spielprozess selbst. Auch ist es keineswegs so, dass man das Schlagzeug für die Rhythmik, den Bass für Grundtonwanderungen, das Klavier für die Harmonie und das Saxofon fürs Melodische braucht. Meistens ist alles anders und fast nie so, wie man es erwarten würde.

Es sind nicht nur die Freiheitsgrade, die diese Musik charakterisieren, es sind auch Grundsätze im Spiel, die die Musiker teilen. Zum Beispiel: keine Hektik, keine formalen Einengungen! Es gibt keine elektrischen Gimmicks, keine Stücke mit Anfang und Ende, keine landläufigen Virtuosensoli. Es gibt statt dessen ein breites, halt- und dehnbares, kontinuierliches Klangband, das ein Eigenleben entfaltet und in dem sich wie von selbst alle Einfälle zueinander in Beziehung bringen.

Jeder darf machen, was er will, es muss sich nur in die gemeinsam produzierte Bewegtheit knüpfen lassen. Wenn das gerade mal nicht geht, kann man allerdings durchaus einen Moment warten oder zu neuem Material übergehen. Und wenn Brian Blade mit seinen knallend übermütigen Akzenten die Fußmaschine der Bass Drum in einen reparaturbedürftigen Zustand versetzt, geht die Musik trotzdem weiter, weil nichts wirklich Störendes geschehen ist, denn so ist das Leben: Es geht immer mal was kaputt. Zwanzig Minuten später wird die neue Fußmaschine knallend begrüßt.

Was hier gespielt wird, ist die Musik von vier Menschen, die ihr Leben lang gelernt haben, Material und Instrumente zu beherrschen und die nun den strebsamen Krampf des Lernens und des Beherrschens hinter sich gelassen haben. Eine beneidenswerte Lässigkeit ist im Raum, dazu eine auf der Bühne intensiv ausgelebte und mit dem Publikum zunehmend geteilte Spielfreude. Man hat weniger den Eindruck, einem avancierten Musikstil zu begegnen als vielmehr einer bemerkenswerten und ein bisschen utopischen Lebensweise. Dazu passt auch die Abwesenheit von allem Stehengebliebenen, allem Altbackenen. Es ist eine ungemein moderne, hoch individualisierte, eigenartig formlose, dabei ganz und gar präzise Musik, die voller Erinnerungen an alles Mögliche steckt, ohne sentimental zu schwelgen. Es könnte sein, dass die Gäste der Heidelberger Stadthalle einem Konzert beigewohnt haben, das eine ähnlich herausragende Bedeutung hat wie das von Ornette Coleman vor vier Jahren in Ludwigshafen, wo das Album "Sound Grammar" live entstand, für das es später einen Grammy gab.

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